Der Bildtitel…

… ist ein integraler Bestandteil eines Bildes. Entsprechend sollte man als Fotograf auch Sorgfalt bei der Auswahl eines Titels für seine Bilder sein. Ich gebe es ja zu, manchmal habe ich Bilderserien auch nur fantasielos „Bild 1“, „Bild 2“, „Bild 3“ … betitelt. Und um das ein bißchen intellektueller zu gestalten, habe ich dann auch noch römische Ziffern verwendet. Ein Fehler! Denn der Titel soll dem Betrachter doch verraten, was er in einem Bild entdecken kann.

Neugierig machen

Natürlich dient der Bildtitel auch dazu, potentielle Betrachter neugierig auf den Bildinhalt zu machen. Ein Bild mit einem interessanten Bildtitel zieht sicherlich mehr Betrachter an, als ein Bild, das einfach nur mit „Bild 1“ betitelt worden ist. Der Titel ist als Chance, ein Bild einem möglichst großen Kreis von Betrachtern vorzustellen, zu verstehen. Selbstverständlich kann man das auch übertreiben – indem man Bildtitel wählt, die reißerisch klingen, eine Erwartung beim Betrachter erzeugen und dann eigentlich nicht zum Bild passen. Im Internet würde man so etwas als „Clickbait“ bezeichnen.

Bewusst handeln

Bei der Vergabe eines Titels sollte man bewusst handeln und den Titel auf die Bildaussage beziehen. Dabei sollte man sich bewusst sein, dass Worte durchaus mit übergeordneten Begrifflichkeiten verknüpft („konnotiert“) sein können, als ihre Bedeutung im eigentlichen Wortsinne erkennen ließe. So assoziiert man in Deutschland beispielsweise mit dem Wort „braun“ nicht nur die Farbe Braun, sondern auch Menschen, die besonders dreist auftreten („Da hat der sich mal eben ganz braun am Buffet bedient!“) oder – hauptsächlich – „braun“ im Sinne einer unheilvollen politischen Gesinnung. Nicht anders ergeht es z.B. auch dem Wort „blau“, das nicht nur für eine Farbe steht, sondern auch für einen durch mißbräuchlichen Konsum alkoholischer Getränke verursachten physischen und psychischen Zustand eines Menschen.

Und gerade diese Konnotationen machen einen Bildtitel sowohl spannend als auch problematisch. Wird eine Person in blauer Kleidung fotografiert und das Bild dann auch noch mit „Der blaue Hans-Jürgen“ oder „Hans-Jürgen in Blau“ betitelt, könnte seitens des Betrachters die abgebildete Person im Zusammenhang mit einer Alkoholsucht gesehen werden. Und ob das die abgebildete Person dann noch „lustig“ findet, darf bezweifelt werden.

Wie komme ich darauf ?

Auf die Bedeutung von Bildtiteln bin ich erst vor einigen Wochen gestossen. Ich sah ein düsteres (HDR-)Bild eines abgeernteten Maisfeldes, an dessen Rand noch einige vertrocknete Maispflanzen stehen geblieben waren. Leider habe ich nicht das Recht, das Bild hier zu zeigen, so dass meine Beschreibung des Bildinhaltes (leider) ausreichend sein muss. Neben den vertrockneten, aber aufrecht stehenden Maispflanzen waren die abgeschnittenen „Strünke“ der geernteten Maispflanzen zu sehen – noch sorgfältig in Aussaatreihe stehend. Der Fotograf hatte dieses Bild mit „Nicht alle sind Gefallen (sic!)“ betitelt. Während sich allgemein eine Diskussion um die Aufnahmetechnik entwickelte, begann ich, meine Assoziationen, die beim Betrachten dieses Bildes entstanden, zu formulieren. Ich fand (und finde noch) dass dieses Bild eine starke Symbolik inne hat, hinter der die angeblichen technischen Unzulänglichkeiten zurückstecken. Nimmt man die abgeschnittenen Pflanzen symbolisch für die im Krieg umgekommenen Soldaten („Gefallene“), so stellen die nicht abgeschnittenen Maispflanzen am Rande die überlebenden Soldaten des Krieges symbolisch dar. Die Vertrocknung der Pflanzen zeigt so symbolisch, in welchem physischen und psychischen Zustand diese überlebenden Soldaten sind. So hat die Titelwahl dieses an sich wenig spektakuläre Bild in ein hoch symbolisches, aus der Masse herausragendes Bild verwandelt. Sicherlich spielt auch die Art der Bearbeitung und die Lichtstimmung dabei eine Rolle, aber hätte der Fotograf sein Bild einfach „Vertrocknete Maispflanzen am Rande eines Ackers“ genannt, wäre die Stärke der Symbolik überhaupt nicht zum Tragen gekommen.
Besonders interessant war in diesem Zusammenhang, dass der Fotograf sich die technischen Anmerkungen sehr zu Herzen genommen hat und sein Bild in einer deutlich freundlicheren, meinungskompatibleren Bearbeitungsvariante erneut veröffentlicht hat (auch hier habe ich nicht das Recht, dieses veränderte Bild zu zeigen). Diesmal wählte er den Titel „Im Westen nichts Neues“. Durch die eigene Lese- und Filmerfahrung (und natürlich auch durch die Schule) ist gerade dieser Titel für mich untrennbar mit dem Roman von Erich Maria RemarqueIm Westen nichts Neues“ (1928/1929) verbunden und somit ein Synonym bzw. ein Sinnbild für die Grausamkeit des I. Weltkrieges 1914 – 1918 mit Millionen Toten. Dies vor dem inneren Auge, betrachtete ich dann das Bild, in dem ich kurz zuvor schon eine starke Antikriegssymbolik für mich erkannt hatte – und wurde enttäuscht. Die beinahe heitere Stimmung passte nun so überhaupt nicht mehr zu dem Titel, der für mich düster konnotiert ist. Noch nie ist mir so deutlich geworden, dass der Titel eines Bildes entscheidend für die Bildaussage sein kann.

Mein Fazit…

…kann daher nur lauten: „Keine simplen und sequentiellen Bildtitel mehr“. Statt dessen ist es weitaus sinnvoller, sich Gedanken um eine passende, angemessene Benennung seiner Bilder zu machen. Dies unterstützt die Bildwirkung und die Bildaussage entscheidend.

 

Edit:
Selbst ausprobiert: Bilder mit dem entsprechenden Titel lenken den Betrachter direkt auf die Aussage. Der Effekt kann durch die Benennung der Galerie noch gesteigert werden. Gefällt aber nicht jedem…